Nr. 4: 1.-3. Juli 1994

Kaum eingeführt, schon wieder ausgesetzt: Der WDR hatte, in Kooperation mit dem MDR, das 15. EBU Contemporary Folk Music Festival nach Rudolstadt eingeladen. 26 Solisten und Gruppen aus 15 verschiedenen Ländern nahmen teil und machten das Ereignis zum „besten aller bisherigen EBU-Folk-Festivals“ (Karel Devijver, BRTN Belgien).

Daneben gab es ein Perkussions-Feuerwerk als magisches Instrument und eine Kunstausstellung von Klaus Staeck unter dem Titel „Flagge zeigen!”. Den Deutschen Folkförderpreis gewannen Johannes & Andreas Uhlmann (vor Werner Vonberg und Thalassa), die Oyster Band rockte den Heinepark, Santiago Jimenez spielte sehr traditionellen Tex-Mex, und Rembetiko-Legende Michael Jenitsaris sang nach seinem Auftritt die Nacht im Hotel durch.
 
Ein weiterer journalistischer Höhepunkt kam nach dem Festival: Christoph Dieckmann publizierte am 15.7.1994 einen Artikel in der Zeit unter der Überschrift „Die Welt im Heim“. Auszug: „An jedem ersten Juliwochenende überfluten Ströme bunten Volks das Städtchen zu Füssen der Heidecksburg und erfüllen die 30.000 Einheimischen mit leicht entsetztem Stolz… FOLK ist jung, Folklore alt. Was mögen bloß die Alten an den bunten Prozessionen, den dörflichen Riten, an der kollektiven Trachtentümelei? Waren sie denn nie am stärksten allein? Oder sind sie, heimwehmütige Kinder von Krieg und Flucht, nachbarlich gefeit gegen Hedonismus und Egomanie und suchen meins nicht ohne deins? Wer sie sah, die Jungen wie die Alten, wie sie atemlos und stille auf dem proppenvollen Markt einer einzigen koreanischen Zitherspielerin lauschten, wie sie schunkelten und hopsten zu Trance-Trommlern aus Tanger, zu den Rückzugs- und Beerdigungsmärschen des mazedonischen Kocani Orkestar, wie sie Oberton-Gesänge bestaunten und jauchzend ihre Hufe schmissen für die Klezmer-Jidden von Brooklyns Brave Old World - wer all diesen Jubel der Welt in der Provinz erlebte, der hat Unglaubliches zu melden: Die Deutschen sind schön!“