Nr. 8: 3.-5. Juli 1998

„Leider droht das Festival am eigenen Erfolg zu ersticken! Schieben, Schubsen, Drängen, teilweise ging es zu wie auf der Autobahn am ersten Ferienwochenende. In viele Aufführungsorte kam man gar nicht oder nur mit viel Mühe rein. Tanzen am Güntherbrunnen? Vergiss es, viel zu eng standen die Folkies zusammen.“ Christian Ruf sprach damit in den Dresdner Neuesten Nachrichten dem Publikum aus der Seele. Und das Team reagierte, verlegte das Kinderfest in den Heinepark und den Mitmachtanz in das Stadthaus (Deutscher Krug). Auch im Schlosspark wurde getanzt; zudem wurden am Samstag zwei schöne Rudolstädter Innenhöfe für Straßenmusikgruppen geöffnet.
 
Länderschwerpunkt war Portugal (beeindruckend vor allem die Projekte Balada do Atlântico und Viagens dol Fado), das magische Instrument war das Banjo, die Kerberbrothers Alpenfusion siegten beim Endausscheid zum Deutschen Folkförderpreis (vor Micha Dümpelmann und den Rolling Drones), und der deutsche Liedermacher Christof Stählin war überwältigt vom aserbaidschanischen Sänger Alim Qasimov: „Wirklich tief ergriffen von einem Konzert ist man vielleicht nicht öfter im Leben, als dass man sich verliebt. Und eines dieser Male ist mit Sicherheit jetzt gewesen.“ In seinem Festivalbericht in der Stuttgarter Zeitung beobachtete Stählin zudem: „Das vergällte deutsche Wort ‚Volk’ hat bei uns zweierlei unverdächtige Umgehungsvokabeln: ‚Folk’, ein musikalisch angereicherter anglo-amerikanischer Re-Import seiner selbst, und ‚Bevölkerung’, mit dem es sich in neutrale Anführungszeichen setzt. Was hier auf dem Marktplatz versammelt ist, ist sozusagen die ‚Befölkerung’, denn an diesem Ort ist durch geschichtliche Zufälle neben der Ost-West-Einigkeit noch etwas anderes geglückt: eine Union der beiden Kulturen, deren Gegensatz das ganze Land teilt – die künstlerisch-intellektuell-jugendliche Gegenkultur einer- und die breite Populärkultur andererseits, welche sonst nur Naserümpfen oder ängstliches Befremden füreinander übrig haben.“